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Der Aepfelwein
und seine Wirkung auf Gesunde und Kranke
von Dr. med. Bayerthal, 1901
Der Apfel war von uralter Zeit her als Genuß- und Nahrungsmittel bekannt und beliebt. Schon bei den alten Römern, die sich doch auf leibliche Genüsse verstanden, hieß es sprichwörtlich von Anfang bis zum Ende »ab ovo usque ad mala« zu Deutsch: vom Ei bis zu den Aepfeln, und bedeutete, daß man beim Mahle mit der Eierspeise begann, mit dem Apfel aber aufhörte, der als Verdauung anregendes und beförderndes Mittel mit Recht galt. Alle wirksamen Bestandteile des Apfels aber finden wir in dem aus ihm gepressten Weine wieder, wie er seit langen Jahren in Nordfrankreich, Württemberg, den Gegenden von Trier und besonders Frankfurt am Main, wo die benachbarten, äpfelreichen Landstriche das beste Rohmaterial liefern, bereitet wird.
Gehen wir nun auf die Bestandteile des Aepfelweins näher ein, so finden wir in ihm einen geringen Alkoholgehalt von ca. 4 bis 5%, also halb so viel wie in einem Tischwein, entsprechend einem Zuckergehalt vor der Gährung von ca 10%, während nach richtiger Gährung nur Spuren von Zucker in ihm enthalten sind. Die in ihm enthaltene Säure beträgt etwa 0,5%. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Kohlensäure die seinen Charakter erheblich beeinflußt und höchst erfrischend wirkt. In der Tat perlt ein guter Aepfelwein fast wie ein Schaumwein, was der Produzent durch lassen desselben auf der Hefe oder höchstens einmaliges Abstechen, nicht etwa durch künstlichen Kohlensäurezusatz, erreicht. Ferner ist erwähnenswert sein Extraktgehalt und besonders sein Gehalt an Gerbstoff bis zu 0,05%, der sich schon durch den Geschmack bemerkbar macht und die Trübung durch in ihm enthaltene Eiweißstoffe verhindert. Des weiteren enthält er Kali, Kalk, Magnesia, Phosphorsäure und Eisen.
Was nun seine Wirkung betrifft, so geht aus seiner glücklichen Zusammensetzung hervor, daß er sich für den gesunden Menschen als Getränk im Sommer wie im Winter hervorragend eignet. Er regt den Appetit außerordentlich an, ebenso wie die Tätigkeit von Magen und Leber und befördert die Verdauung und die Bildung neuer Säfte und neuen Blutes. Infolge seines ziemlich reichen Phosphorgehaltes ist er geeignet, einen belebenden Einfluß auf Gehirn und Nerven geltend zu machen. So brauchen wir in der Tat nur die Aepfelweintrinker Frankfurt-Sachsenhausens anzusehen, um das Bild strotzender Gesundheit zu finden, wir brauchen nur den schwäbischen Landarbeiter, der seinen »Most« trinkt, zu vergleichen mit dem im Norden und Osten Deutschlands, um zu sehen, wo Frische und Elastizität von Körper und Geist zu finden ist.
Was wirkt aber der Aepfelwein bei Kranken? Da ist es dann eine unzweifelhafte Tatsache, daß er von einem Teil meiner Kollegen nur allzusehr bei Seite gesetzt wird, daß da, wo Wein, Champagner und Bier nicht in Frage kommt, alle möglichen Limonaden und Zusammensetzungen verordnet werden, von den Angehörigen oft genug in zweifelhafter Weise hergestellt, an einen Schluck guten Aepfelweins aber nicht gedacht wird. Zur Zeit von Epidemien, besonders im Sommer bei Typhus und Cholera ist er ein herrliches Getränk, wobei es von Interesse ist, daß er nach Untersuchungen französischer Ärzte Typhusbazillen abtötet.
Bekannt ist seine Wirkung bei hartnäckiger Verstopfung, wo er getrost mit der Traubenkur konkurrieren kann, die doch nur zu beschränkter Zeit und dann nur für die oberen Zehntausend möglich ist.
Bei Magen- und Leberleiden ist er infolge seiner appetitanregenden Wirkung zu empfehlen, eine Wirkung, die er auch bei Blutarmut und Bleichsüchtigen in Betracht kommt, wo ein Steigen des Appetits oft trotz aller möglichen Blut- und Eisenpräparate nicht kommen will. Des öfteren habe ich da bleiche Wangen wieder blühen sehen. Bei Fieberzuständen sollte er längst seinen Platz gefunden haben, zumal verdünnt mit Zuckerwasser dürfte er vor jede Limonade zu setzen sein.
Nun zu dem Heer der Herz- und Nervenleidenden, die in der Regel alkoholische Getränke von ihrem Arzt ganz verboten bekommen! Auch hier erweist sich Aepfelwein als ein Erfrischungs- und Belebungsmittel ersten ranges, wie er ja auch in der Tat von den Bad Nauheimer und Bad Oeynhauser Spezialärzten und anderen ärztlichen Autoritäten stets empfohlen wird. Daß bei seinen säfteanregenden und blutbildenden Eigenschaften Rheumatismus, Gicht und Fettsucht ihn angezeigt machen, ist seit langer Zeit bekannt. Viele meiner Patienten, bei denen ein Glas Wein oder Sekt hinreicht, einen Gichtanfall auszulösen, trinken ihn mit großem Vorteil und Fettsüchtige sagen von sich »der Aepfelwein zehrt«. Das letztere ist bei dem vermehrten Stoffwechsel allerdings der Fall, doch muß man sich hüten, durch stärkeres Essen den Erfolg illusorisch zu machen. Bestätigen kann ich die auch von anderer ärztlicher Seite erwähnte, den Mineralwässern von Vichy, Fachingen und Wildungen ähnliche Wirkung, veranlaßt jedenfalls durch seinen Gehalt an Kali.
Bei Zuckerkrankheit (Diabetes), wo hauptsächlich leichter Moselwein empfohlen wird, möchte ich unter allen Umständen empfehlen, diesen auf Alkohol und Zuckergehalt zu analysieren. Für mich ist keine Frage, daß das Resultat ein ganz unerwartetes sein wird und gar mancher Kollege von dem fast stets durch Zuckersaft »verböserten« leichten Mosel zum Aepfelwein übergehen wird, der gerade hier seine Schuldigkeit tut.
Mögen die Bestrebungen unserer großen Keltereien, ein den höchsten Anforderungen stets entsprechendes Produkt zu liefern, in weiten Kreisen unseres Vaterlandes immer noch mehr zum eigenen Nutzen für Körper und Geist gewürdigt werden.
Schierstein im Rheingau, am 15. Januar 1901
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